Eric Malitzke: “Wir werden irgendwann den Luxus nicht mehr erkennen”

Eric Malitzke ist mit erst 34 Jahren der jüngste Flughafenchef Deutschlands und bringt als Geschäftsführer frischen Wind in den Airport Leipzig/Halle. Der gebürtige Frankfurter spricht in einem ausführlichen Interview mit Kay A. Schönewerk und Annegret Freitag über modernes Nomadentum, das Mobilitätsverständnis von Comicfiguren und die zukünftigen Auswirkungen chinesischer Reisepässe. Der
Herr Malitzke, mit welchem Verkehrsmittel sind Sie heute zum Interview gekommen? Nur mein Auto.
Bewegen Sie sich generell lieber zu ebener Erde fort – oder in der Luft? Ich bin ein Flugzeugnarr. Die Materie interessiert mich und fasziniert mich. Ich mag die Vorstellung, in einer Metallröhre zu sitzen und mit fast tausend Kilometern pro Stunde durch die Luft geschossen zu werden. Ich könnte mich auch für nichts anderes begeistern als für Flugzeuge, Autos, Schiffe und vielleicht noch die Bahn. Die Faszination – gerade beim Flugzeug – ist so unheimlich groß.
Macht Ihnen die immer stärker werdende Abhängigkeit von Technik Angst? Es ist wie im Straßenverkehr: Die Hauptfehlerquelle ist der Mensch, nicht die Technik. Im Auto haben die Menschen das subjektive Empfinden, dass sie die Technik unter Kontrolle hätten. Was ja durch Bedienen von Gaspedal und Bremse durchaus der Wahrheit entspricht. Aber tatsächlich bin ich von so vielen anderen Verkehrsteilnehmern abhängig. Die größte Gefahr beim Fliegen ist der Weg mit dem Auto zum Flughafen. Das Flugzeug ist und bleibt das sicherste Verkehrsmittel.
Gab es schon mal einen Zeitpunkt, an dem Sie nicht wussten, in welcher Stadt Sie gerade waren? In einem früheren Job ist mir das passiert. Da war ich so viel unterwegs, dass ich teilweise gar nicht mehr wusste, in welcher Zeitzone ich gerade war.
Sind die Menschen dafür geschaffen, zukünftig wie moderne Nomaden zu leben, ständig mobil sein zu müssen? Es gibt keine starre Festlegung, was dem Menschen liegt oder nicht. Wir zeichnen uns dadurch aus, dass wir anpassungsfähig sind. Denken Sie mal daran, in welchen Dimensionen es in den 50er Jahren plötzlich die Fliegerei der Menschheit ermöglicht hat, andere Kulturen kennen zu lernen. Es war plötzlich nicht mehr lebensgefährlich, nach Südamerika zu reisen. Es ist eine ungeheure Faszination, sich neben den eigenen Mikrokosmos zu stellen – wenn man 2.000 Kilometer weit weg ist.
Wie wichtig sind heute persönliche Wurzeln für Sie? Wir brauchen eine starke Verwurzelung, um die Entwicklungen auszuhalten. Das trifft weniger auf jemanden wie mich zu, der keine familiären Verpflichtungen hat und viel unterwegs ist. Der typische Handelsreisende aber, oder der, der aus beruflichen Gründen gezwungen ist, seinen Lebensmittelpunkt oft zu verlagern, für den sind Wurzeln wichtig. Das ist ein qualitativer Unterschied. Die Notwendigkeit, flexibel, anpassungsfähig, zu jeder Zeit verständnisvoll, Familienvater zu sein und sein Wertesystem ständig weiter zu prägen. Da sind Wurzeln ein entscheidender Punkt, ohne die geht es nicht.
Ist das eine Frage der Geographie? Ich bin der Überzeugung, dass die Familie Hauptbestandteil bleibt – sie ist das Zuhause. Ich komme aus Frankfurt, lebe seit über zwei Jahren hier, bin ein stolzer und begeisterter Neu-Leipziger – aber ich habe Freunde im Rhein-Main-Gebiet. Und manchmal auch Heimweh. Nach Menschen so wie auch nach bestimmten örtlichen Gegebenheiten.
Wachsen Ihre Wurzeln jetzt auch in den Leipziger Boden? Es ist ein gutes Gefühl, sich eine zweite Heimat zu erkunden. Hier ist es schön, also wurzele ich auch hier.
Egal ob in Leipzig oder in Frankfurt: Die Treib-stoffpreise wachsen gerade ins Unermessliche. Bedeutet Mobilität zukünftig noch Freiheit? Die Mobilität wird ihren Weg finden, weil eben auf Grund unserer gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Struktur dies nicht nur eine Preisfrage ist. Das würde das weltwirtschaftliche ökonomische Prinzip ins Wanken bringen. Deshalb wird es nur eine Möglichkeit geben. Und wenn der Leidensdruck groß genug ist, dann wird irgendwann der Wandel im Bereich der Energieträger kommen. Die Mobilität wird durch den Kostenfaktor nie eingeschränkt werden.
Achten Sie auch im privaten Umfeld auf die Umwelt? Mein Auto ist ein Diesel, der – trotz aller Rußpartikeldiskussionen – zumindest sparsam mit Erdöl umgeht. Ich fahre auch viel Fahrrad. Aber leider gibt es in der Stadt kaum Orte, wo man es stehen lassen kann. Sonst brauchen Sie schnell ein neues.
Wie stehen Sie zu Ökosteuern? Das Problem Ökosteuer ist kein Grundsatzproblem, sondern ein Budgetproblem. Welchem Haushaltstitel ich eine Einnahmeseite als Staat gebe, ist doch heute fast unerheblich. Mit einer Ökosteuer wird nicht zweckgebunden etwas für die Natur getan, sondern sie wird beispielsweise fürs Sozialsystem genutzt. Wie der Titel der jeweiligen Steuer ist, ist damit eigentlich egal. Sicher gilt für alle Steuern, dass sie für bestimmte Branchen oder Industriezweige oder Dienstleistungszweige im internationalen Vergleich zusätzlich das Überleben im internationalen Wettbewerb schwer macht. Wir werden uns mehr mit der Ausgabenseite des Staates beschäftigen müssen, weil Sie auch als Unternehmer die Verkaufspreise nicht ins Unermessliche treiben können, um ihren Betrieb doch noch kostendeckend zu fahren. Irgendwann müssen Sie sich etwas anderes überlegen. Sie können bei der demographischen Entwicklung auch nicht die anfallenden Fixkosten auf immer weniger Produkte verteilen.
Wir leben im Zeitalter der Individualisierung, wie schlägt sich das auf die Mobilität in unserer Zunkunft nieder? Mobilität ermöglicht diese Individualisierung zu einem großen Teil. Das weiss jeder, der mit 18 sein erstes Auto mit dem Schlüssel aufschließt, sich reinsetzt und plötzlich merkt, wie er selbst bestimmen kann, wann er von A nach B reist. Zu jeder Uhrzeit fahren, ohne nass zu werden. Das betrifft alle Verkehrsmittel und trägt zur Individualisierung der Persönlichkeit erheblich bei.
Ein sicherer Trend der Zukunft ist auch das steigende Durchschnittsalter. Was hat das für Folgen für das Reisen? Die Lebenserwartung nimmt tendenziell immer weiter zu, was vielleicht auch irgendwann zu einer ethischen Diskussion führen könnte, ob es überhaupt wünschenswert ist. Die Lebenserwartung wird höher, das zur Verfügung stehende Einkommen scheint zumindestens im Moment noch halbwegs stabil zu sein, und ich glaube, dass die Menschen nach dem Lebensabschnitt Arbeit natürlich mit ihrem Leben noch etwas anfangen wollen. Reisen ist durch die angesprochene Individualisierung und das Massenangebot sehr günstig geworden. So glaube ich schon, dass Menschen, die vital in den Ruhestand gehen, verstärkt reisen werden. Dabei wird für diese Zielgruppe auch der Aspekt der Bequemlichkeit eine große Rolle spielen, eben weil sie in dem hohen Alter schlecht mit Rucksack und Fahrrad unterwegs sein können. Sie wollen mehr Service haben, einen Service, bei dem Sie von zu Hause die Koffer abgeholt und im Urlaubshotelzimmer angeliefert bekommen. Deshalb wird sich die Reisewelt mit bestimmten Produkten darauf einstellen müssen.
Verlieren wir durch die gestiegene Mobilität den Respekt vor anderen Ländern? Der Aspekt, eine andere Kultur kennen zu lernen, ist schon seit Jahrzehnten in den Hintergrund getreten. Wenn Sie in das eine oder andere große Hotel gehen, vielleicht noch in ein durch deutsche Reisende hoch frequentiertes Gebiet, dann stellen Sie fest, dass so viel wie möglich den heimischen Zuständen angepasst ist. Nur mit dem Unterschied, das die Sonnenscheindauer pro Tag eine andere ist.
Das reicht den Menschen? Es gibt viele, denen das mehr als genug ist.
Werden die Menschen mit zunehmender Mobilität oberflächlicher? Wir werden irgendwann diesen Luxus, Fremdes zu erleben, nicht mehr als solchen erkennen. Andererseits werden die Eindrücke, die wir durch das Reisen sam-meln, vielfältiger werden. Dies wird hoffentlich zur Umkehrung vom Oberflächlichen ins Tiefgründige führen. Wir erfahren Zusammenhänge, die meist nicht nur auf ein Staatsgebiet begrenzt, sondern mindestens von europäischer Geltung sind. Das prägt im positiven Sinne und man kann sich dadurch vielleicht über das eine oder andere ein anderes Bild machen. Sich dessen bewusst zu sein, was das für ein Luxus ist, wird spätestens nach der ersten oder zweiten Reise in den Hintergrund treten und aus dem Bewusstsein.
Wenn Sie Kinder hätten, wie würden Sie diese in Richtung Mobilität erziehen? Müssten die mit dem Fahrrad zur Schule fahren oder werden die mit dem Auto gebracht? Da fällt mir ein wunderschöner Comic ein „Calvin and Hobbs“. Irgendwann sagt Calvin, ein kleiner Junge, zu seiner Mutter, er würde gerne zu seinem Freund, sie soll ihn mal bitte hinkutschieren. Da guckt sie ihn an und sagt, der wohnt zwei Blocks weiter, wozu hat Gott die Füße gemacht. Und da zuckt er mit den Schultern und sagt: „To work the gas pedal“. Ich finde, es ist nicht nur wichtig bei dem Thema Mobilität, dass die Kids kennen lernen, was auch das echte Leben ist. Ich glaube, in dem Moment, wo man Kinder hat, muss man bestimmte Selbstverständlichkeiten auch wieder zurückschrauben, um den Kindern mal was anderes zu zeigen. Und zur Schule zu laufen oder mit dem Fahrrad zu fahren, würde ich in diesem Zusammenhang für eine ganz wichtige Sache halten.
Würde eine Familiengründung Ihre Mobilität einschränken – weil man sesshaft wird? Die Spontanität vielleicht, nicht die Mobilität. Die Planung wird wahrscheinlich dann eine Men-ge an Zeit mehr benötigen und insoweit fällt vielleicht ein Anteil spontaner Aktionen dann weg.
Wie wird sich die Mobilität im globalen Rahmen zukünftig entwickeln? Die Neugier des Menschen ist unerschöpflich. Und Mobilität ist ein großer Bestandteil unserer Kultur, das wird auch in den nächsten Jahren zunehmen. Und es werden immer mehr Menschen unterwegs sein. Malen Sie sich nur mal aus, was passiert, wenn Milliarden Chinesen einen Rei-sepass bekommen und anfangen, ihrerseits in die Welt zu reisen. Oder ein Großteil der Chinesen wird sicher ein Auto besitzen wollen – dann wird die Frage Mobilität und Umwelt-schutz zu einem drängenden Thema werden. Da muss meines Erachtens in Zukunft sicher umgedacht werden.
Wie reisen Sie persönlich? Ich reise am liebsten ganz individuell. Vor wenigen Wochen bin ich zum ersten Mal in meinem Leben nach Mallorca geflogen – und bin dort mit meinem Mountainbike und einem Rucksack eine Woche durchs Gebirge gefahren. Das war wunderschön.
Wo möchten Sie Ihren Lebensabend verbringen? Was ich mir vorstellen könnte, wäre zwischen Norditalien, Südfrankreich und Spanien – ein kleines Landhaus mit Olivenzucht.
Herr Malitzke, vielen Dank für das Gespräch.
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Interview: Kay A. Schönewerk, Annegret Freitag (Agentur 4iMEDIA; Redaktion J&C);
Fotos: Jeibmann Photographik / Vivendi 2007
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