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Michael Heiss: “Fairness ist ein Grundparadigma für das Zusammenleben”

Nachdem Dr. Michael Heiss von der Siemens AG  im ersten Teil des Interviews mit 100visions-Redakteurin Tina Neundorf sich thematisch vor allem im Hier und Jetzt bewegte, kommt er im aktuellen Teil auf die Folgen der Individualisierung für die Zukunft, auf das Verwirklichen von Visionen und auf die Zauberei zu sprechen.

Gab es einen Menschen in Ihrer Laufbahn, der Sie verändert hat? Und wie geschah dies? Fachlich haben Prof. Fritz Paschke und Dr. Udo Scheiblauer eine wichtige Rolle in meiner bisherigen Berufslaufbahn gespielt, wissenschaftlich Sanjoy K. Mitter und mein Aufenthalt am Massachusetts Institute of Technology. Wohl die wichtigste Veränderung habe ich Frau Mag. Doris Rosendorf zu verdanken. Sie hat uns in einem Managemententwicklungsprogramm als Coachin begleitet. Ich hatte immer schon ein besonderes Harmoniebedürfnis, weshalb es mir schwer fiel, bei Mitarbeitern unangenehme Themen anzusprechen. Sie hat mir vor Augen geführt, dass dieses Verhalten – von mir als respektvoll und zum Wohl des Mitarbeiters angedacht – den Mitarbeitern gegenüber unfair ist, da sie sich so nicht weiterentwickeln können und die fehlende Kommunikation sich im Endeffekt als Sand im Getriebe auswirkt. Das war nur einer von vielen kleinen Schritten, die die Entwicklung vom Experten zur Führungskraft unterstützt haben und nebenbei auch die Work-Life-Balance unterstützt haben.

Wir leben im Zeitalter der Individualisierung, wie schlägt sich das auf unsere Zukunft nieder? Der Erfolg von Einzelpersonen als auch Unternehmen wird mehr und mehr davon abhängen, wie gut sie in Netzwerken zusammenarbeiten können. Vernetzung führt jedoch zu einer Steigerung der Komplexität des Gesamtsystems. Gleichzeitig steigt aber auch die Komplexität der zu lösenden Aufgabenstellungen. Einzelkämpfer können dafür alleine meist keine Lösung mehr erbringen. Nur wenn es gelingt, die Komplexität des Netzwerkes zu managen, steht genügend Kapazität zur Verfügung, auch die Komplexität der Aufgabenstellung zu lösen. Jedes Unternehmen muss sich auf sein Kerngeschäft konzentrieren und den Wettbewerber im Blick haben. Werden entlang der Wertschöpfungskette andere Leistungen erforderlich, dann wird man jenes Unternehmen einbinden, das für diese Leistung die besten Voraussetzungen hat. Es entsteht dadurch eine immer wiederkehrende Anpassung der Unternehmensstruktur und der Partnerunternehmen entlang der Wertschöpfungsketten an die aktuellen Geschäftsmodelle.

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Haben Sie eine konkrete Vorstellung wie ein Unternehmen der Zukunft dann aussehen sollte? Ich stelle mir eine Unternehmensabteilung der Zukunft so vor, wie einen schönen Legostein, den ich einmal verwende, um ein schönes Lego-Haus zusammenzubauen, dann ein Jahr später wegen Umbau des Hauses nicht mehr benötige und ihn deshalb in die Kiste für die Bausteine zurück gebe. Wenn er ein guter Stein ist, wird er dort nicht lange liegen, da bald wer anderer erkennt, dass er eigentlich viel besser zum Bau eines Lego-Autos geeignet ist und dort mehr Mehrwert bringt als bei heutigen Lego-Häusern. Das impliziert extreme Anforderungen auch an unsere IT-Branche, damit jede dieser Umbauten so einfach erfolgt wie das Bauen von Lego-Häusern, wo man den neuen Baustein einfach nur ansteckt und er sofort voll funktionsfähig ist. Auch bei bester IT-Unterstützung, dürfen jedoch niemals die betroffenen Menschen dabei vergessen werden.

Macht Ihnen die immer stärker werdende Abhängigkeit von Technik Angst? Nein, nur wenn die Technik von Menschen missbraucht wird um damit Schaden anzurichten.

Würden Sie sich als Visionär bezeichnen? Es gibt sicher größere Visionäre. Als meine Aufgabe sehe ich, aus vielen Visionen eine für uns realistische Vision zu entwickeln und diese zur Umsetzung zu bringen. Etwas nachhaltig bewegen zu können, ist das, was mir Spaß macht.

Wenn Sie ein Superheld sein könnten, welche Superkraft würden Sie wählen und warum? Schon als Kind habe ich mir überlegt, auf so eine Frage immer “zaubern zu können” zu antworten – dann kann ich mir den Rest meiner Wünsche selbst regeln. Wenn die Antwort jedoch unzulässig ist, dann würde ich mir wünschen die Kraft zu haben, Menschen dazu zu bringen, dass sie im Sinne der Allgemeinheit agieren, wenn ich es mir wünsche. Für mich ist Fairness eines der Grundparadigmen für das Zusammenleben und -arbeiten. Meist gelingt es, diese Fairness auch von anderen erwidert zu bekommen, aber für die Fälle, wo es nicht gelingt, wäre diese Superkraft sehr hilfreich.

Unter Jugend versteht man ja die Zeit zwischen Kindheit und Erwachsensein. Wann sind Sie erwachsen geworden? Sie werden sich wundern, aber diese Frage hatte ich mir über viele Jahre auch selbst gestellt. Nach dem zweitem Kind im Jahr 1995 hatte ich sie mir nicht mehr gestellt, da ich ab dann eindeutig erwachsen war. Da war ich allerdings schon 32 Jahre alt. Jedenfalls weiß ich heute, dass ich mit dem Abitur, der Volljährigkeit, dem Studienabschluss, der ersten wirklichen Berufstätigkeit, dem Tod des Vaters, der Hochzeit, ja selbst dem ersten Kind noch nicht erwachsen war.

Sagen Sie mir etwas über die Zukunft, das ich Ihrer Meinung nach unbedingt wissen sollte. Es gibt viele Spekulationen über die Zukunft. Eine der wenigen Dinge, die wirklich sicher sind, sind dass die Zukunft auch Dinge bringen wird, an die heute noch niemand denkt, die aber trotzdem unser Leben ganz signifikant verändern werden. Genau auf diese sollten wir uns vorbereiten.

Und wie? Die Flexibilität trainieren.


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