Caterina Jolig: „Wer Angst vor dem Abstellgleis hat, ist selber schuld“

Der Name Saab steht für Svenska Aeroplan Aktiebolaget – das Unternehmen wurde ursprünglich als Flugzeugfabrik zur Herstellung von Militärmaschinen gegründet. Heute positioniert sich Saab als Anbieter für Individualisten. Caterina Jolig, Saab-Chefin in Leipzig, spricht im zweiten Teil des gemeinsamen Interviews mit Kay A. Schönewerk und Annegret Freitag über Verschwendung von Zeit, Robinson-Clubs – und Highspeed als Lebensmotto. Und sie beantwortet die Frage, für welchen Blick in die Zukunft sie Lebensjahre opfern würde.
Was ist denn Zeitverschwendung für Sie? Ich verschwende keine Zeit. Ich weiss aber, was Sie meinen. Für mich wäre Zeitverschwendung daher zum Beispiel ein Urlaub, in dem ich etwas mache, was ich eigentlich gar nicht machen will. Ich denke da zum Beispiel an den Robinson-Club, wo mir vorgeschrieben wird, wie der Tag auszusehen hat und wo meine Aktivitäten gelenkt werden. Nein – ich will mich nicht lenken lassen. Das könnte ich auch nicht genießen. Das wäre beispielsweise in meinen Augen Zeitverschwendung. Auch wenn man mir eine Reise schenken würde, in einem solchem Rahmen, würde ich die nett ablehnen, weil es mir zu schade wäre um die Zeit. Da wäre ich wirklich lieber in Mecklenburg an der Seenplatte – und würde ganz individuell Urlaub machen.
Sie beschreiben sich als Familienmensch. Aber der Trend in Deutschland geht ja eigentlich eher in eine andere Richtung, weg von Familie. Die These ist, dass wir uns weniger Kinder leisten, weil Kinder Zeit brauchen, die nicht in Geld verrechenbar ist. Es gibt ja auch Eltern, die haben viel Zeit und es kommt trotzdem nicht das Ergebnis, das gewünscht ist. Also ich denke nicht, dass man sagen kann, wenn ich im Geschäftlichen so engagiert bin, habe ich keine Zeit, Kinder großzuziehen oder auf erfolgreiche Bahnen zu lenken. Das, glaube ich, ist falsch. Sie werden doppelt beansprucht, das ist richtig. Und da muss man eine Lösung für sich finden. Kinder sind wichtig. Und eine Familie nimmt ja nicht nur – sie gibt einem unheimlich viel. Wenn ich mein Kind glücklich sehe, dann ist das für mich auch ein sehr, sehr gutes Gefühl und das möchte ich auch nicht missen.
Nehmen Kinder Zeit anders wahr? Das tun sie, weil sie ja auch in viel weniger Sachzwängen stecken als Erwachsene. Wenn sie dem Kind aber die Möglichkeit einräumen, an Ihrem Leben teilzunehmen, dann sieht das Kind auch, wie schnell die Zeit vergehen kann – also wie wenig Zeit „in der Welt der Erwachsenen“ da sein kann – oder natürlich, wie viel Zeit da sein kann.
Sie sagten vorhin, dass Ihnen etwas gegen den Strich läuft, wenn andere Ihre Zeit bestimmen, wie im Robinson-Club. Was halten Sie denn von Ladenschlusszeiten? Ich bin gegen Ladenschlusszeiten. Ich finde es zum Beispiel sehr schön, wie es in Amerika gehandhabt wird, wo rund um die Uhr alles offen ist. Für die Mitarbeiter andererseits ist es natürlich eine ganz schwierige Situation. Aber für mich persönlich steht der Kundenwunsch vor der Ladenöffnungszeit. Soll heißen: Ich arbeite auch am Sonnabend. Ich arbeite auch am Sonntag. Aber ich kann das nicht von den Angestellten verlangen. Ich kann es mir wünschen. Also ich kann sagen: „Pass auf, wir haben eine Veranstaltung, die ist am Sonnabend und die geht bis Sonnabend Nacht. Es wäre schön, wenn Du das Team unterstützen könntest.“ Und da hat sich eigentlich noch keiner verwehrt mit der Argumentation, dass er am Wochenende nicht arbeitet.
Highspeed ist ja ein modernes Lebensmotto. Können Sie das nachvollziehen? Highspeed, also ständig am Limit agieren und leben, ist gefährlich, wenn Sie nicht auf Ausgewogenheit achten. Im Privaten fände ich dieses Highspeed-Leben noch nicht mal so schlimm – so nach dem Motto: Alles mitnehmen. Aber im Geschäftsleben finde ich es gefährlich. Das führt dazu, dass man vergisst, Luft zu holen, dass man gesundheitlich abbaut. Dann kommt zu schnell die Quittung. Das heißt, die Autobahn von Leipzig nach Hamburg sollte man nicht in vier Stunden durchreißen, sondern sich die Zeit nehmen, irgendwo in Ruhe Mittagessen zu gehen. Sowas ist wichtig – die kleinen Ruhepole im Alltag. Den Blick für draußen haben, genießen.
Was sind denn Ihre Lieblingsraststätten? Landgasthöfe. Also nicht Autobahnraststätten, sondern von der Autobahnabfahrt runter und den nächsten Landgasthof ansteuern.
Sind Sie als Verkehrsteilnehmerin Rechtsfahrer? Eher Mittelspur. Saabfahrer sind die, die nicht die linke Spur permanent blockieren. Die zeigen zwar gerne mal, was in ihrem Auto steckt, aber ziehen sich dann auch wieder auf ein gemütlicheres Tempo zurück.
Gehen wir mal in eine gänzlich andere Richtung: Klassische Literatur, der alte Goethe: Faust und Mephisto haben einen Pakt geschlossen, dass Faust für Mephistos Hilfe bei der Suche nach Erkenntnissen Lebensjahre opfert. Wofür würden Sie denn Lebensjahre opfern? Wofür würden Sie sagen, da gebe ich Zeit ab? Ich würde gerne mal in die Zukunft schauen. Es würde mich brennend interessieren, was aus Deutschland in den nächsten Jahren wird. Nach Wahlen ist das immer so ein Innehalten, so eine Unsicherheit bei allen. Jeder scheint sich zu fragen: Was ist denn jetzt? Was passiert denn jetzt? Es würde mich wirklich interessieren, wie es in zehn Jahren unserem Land geht. Ich würde für diese Erkenntnis zwei Jahre opfern, glaube ich.
Um zehn Jahre nach vorn zu schauen? Ja, um zehn Jahre nach vorn zu schauen.
Aber wie sieht es mit der persönlichen Zukunft aus: Irgendwann biegt Ihr Sohn ab und fährt auf eine andere Autobahn. Haben Sie dann Angst vor dem Leben nach dem Highspeed? Was passiert, wenn Ihr Leben ruhiger wird? Die Familie wird ruhiger, weil vielleicht das Kind nicht mehr da ist. Im Job – nun ja, irgendwann gibt man den vielleicht an einen Nachfolger ab. Aber ich habe keine Angst vor dem berühmten Abstellgleis. Denn schließlich habe ich die Entwicklung selbst in der Hand. Und die Bedürfnisse eines Menschen ändern sich ja mit der Zeit. Wichtig ist, dass man immer mit sich und dem Leben zufrieden ist. Das ist eigentlich mein Ziel. Und wer Angst hat vor dem Abstellgleis, der ist selbst schuld, das ist meine Meinung. Denn ich bin ganz allein verantwortlich für das, was ich aus meinem Leben mache. Und dann bin ich eben auch selbst schuld, wenn ich etwas nicht mache, was ich eigentlich unbedingt realisieren möchte. Und ich persönlich möchte keine Masse an Wünschen mit mir herum tragen – sondern ich will sie umgesetzt haben. Und das habe ich bisher und deshalb bin ich auch zufrieden und schaue ohne Angst in die Zukunft. Aber wenn dann irgendwann der Punkt kommt, wo ich sage, es ist mir doch zu abenteuerlich, immer diese Experimente zu machen, dann kann ich ja langsam einen Gang runterschalten.
Vielen Dank für das Gespräch!
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