Caterina Jolig: „Ich lasse mich nicht lenken – das wäre Zeitverschwendung“

Caterina Jolig, Saab-Chefin in Leipzig, spricht im Interview mit Kay A. Schönewerk und Annegret Freitag über Umwege im Berufsleben, notwendige Blicke in den Rückspiegel – und die Bedeutung ganz persönlicher Bremsmanöver. Und sie beantwortet die Frage, ob wir nicht doch im Grunde alle Saab-Fahrer sind. Nachfolgend Teil 1 des Interviews – Fortsetzung folgt.
Frau Jolig, haben Sie eigentlich Zeit für ein ausführliches Interview? Die Zeit habe ich mir genommen.
Welche Bedeutung hat Zeit für Sie? Sie ist wichtig, sehr wichtig. Und nie in ausreichendem Maße vorhanden. Natürlich ist dabei Organisation alles und natürlich sollte man sich immer auf das Wesentliche konzentrieren, sich nicht verzetteln – so lautet der Aspruch der Leistungsgesellschaft. Aber man darf darüber auf keinen Fall vergessen, auch mal Dinge auszuprobieren. Sonst können Sie so effizient arbeiten, wie Sie wollen – Sie bleiben irgendwo auf einem Punkt stehen. Dieses Ausprobieren ist es, was uns voran bringt. Da gehört neben dem Zeitnehmen sicher auch Mut dazu – weil es immer leichter ist, auf bekannten, ausgetretenen Pfaden zu gehen. Und sicher holt man sich auch mal einen Nasenstüber, weil ja auch nicht alles so klappt, wie man sich das von der Idee her vorgestellt hat. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich das Ausprobieren auszahlt. Und deshalb nehme ich mir die Zeit.
Haben Sie eigentlich auch mal Zeit in den Rückspiegel zu schauen? Man muss. Schon allein, um Ergebnisse zu messen, muss man in den Rückspiegel schauen. Wer sich diese Zeit nicht nimmt, dem hilft der Blick nach vorn bald auch nicht mehr weiter. Das Problem dabei ist, dass man, wenn es einem sehr gut geht, ganz schnell vergessen kann, dass es auch andere Zeiten gibt. Ich bin eigentlich ein Sicherheitsmensch – und deshalb sichere ich Vergangenes auch durch den Blick in den Rückspiegel ab.
Wann treten Sie auf die Bremse? Das kann ich Ihnen noch nicht sagen. Ich habe noch nie eine Bremse getreten – also, im metaphorischen Sinn. Aber es gibt regelmäßig Zeiten, wo ich langsamer fahre, mich ausklinke, wo ich einfach eine Erholungsphase brauche. Das kann ein Urlaub sein oder einfach ein paar ruhige Stunden daheim. Zum „Ausklinken“ fahren wir gern in Familie an die Mecklenburger Seenplatte. Und für die Erholung daheim muss ich eigentlich nur vor die Haustür treten. Ich war beispielsweise jetzt eine Woche lang jeden Tag joggen im Wald, eine Stunde, ganz in Ruhe. Und dann kommen Ideen. Also man läuft und läuft, und dann kommen die Ideen. Und dann mache ich mich ans Ausprobieren.
Also sind Sie mit dem Kopf immer bei der Arbeit. Was sagt die Familie dazu? Es heißt ja so schön, man solle sich den Kopf frei machen. Aber warum eigentlich? Wenn ich beim Joggen die besten Ideen habe – warum soll ich mich dann dazu zwingen, lieber über gar nichts weiter nachzudenken, als über die nächste Baumwurzel auf meinem Weg. Im Gegenteil: Das strengt an. Das andere, das ständige Gedankenmachen, das bringt voran – und ich brauche es. Aber dass ich über die Arbeit nachdenke, heißt ja nicht, dass ich von nichts anderem spreche. Wenn ich nach Hause komme, lege ich den Schalter um und es wird nicht mehr von der Arbeit gesprochen. Ich mache mir nur Gedanken und genieße ansonsten die Ruhephase – das klappt.
Das klingt nach zwei Seelen in einer Brust. Das sind zwei Seelen, die zeitgleich auch miteinander agieren. Gedanklich die Firma und rein äußerlich die Familie. Natürlich überlegt man manchmal, wie man das alles unter einen Hut kriegen soll. Das sind oft ganz lapidare Sachen – Hausaufgaben machen und das Kind auf seinem Weg, also auf der geraden Bahn halten und gleichzeitig trotzdem dieselben Hundert Prozent auch noch im Betrieb funktionieren. Aber irgendwie klappt es. Und es ist auch nicht so, dass da zwei Seiten an mir zerren und ich quasi auseinander zu brechen drohe. Statt auseinander, zieht mich die Kombination Arbeit plus Familie nach vorn. Ich hole mir in der Familie die Energie, die ich für die Arbeit brauche.
Wenn es privat stimmt, dann ist auch die Energie dort ganz stark? Ja, aber wenn es dort kriselt und man merkt, man bringt das nicht unter einen Hut, dann fehlt einem auch ein ganzes Stück Kraft für den Betrieb. Ein schönes Beispiel: Mein Sohn meinte neulich, einerseits fände er meinen Job toll, weil alle sagen seine Eltern seien so erfolgreich. Aber andererseits, sagte er, würde er sich auch wünschen, ein bisschen mehr von mir zu haben. Dafür haben wir jetzt eine Lösung gefunden: Er kommt oft hier mit her und er unterstützt uns auch bei Veranstaltungen. Das ist doch eine ideale Kombination. Ansonsten ist der private Bereich in meinen Augen dafür da, um sich rundum wohl zu fühlen.
Bedeutet das nicht, dass Sie den Ruhepol, den Sie zu Hause haben, jetzt in diesen Arbeitsstrudel mit hineinziehen? Ich bin eigentlich immer privat. (lacht) Also eigentlich ist das alles ein komplettes Ganzes. Ich glaube, wenn man anfängt, das bewusst zu analysieren und Geschäft und zu Hause strikt trennt, dann fehlt einem ein klein bisschen Spaß an der Arbeit. Dann fängt man schon an, in die Richtung zu gehen, dass man sagt, ich bin genervt, dass ich zwölf Stunden auf Arbeit bin und weiß nicht, wie ich es so richtig schaffen soll und hätte auch gerne mal ein bisschen mehr Urlaub. Ich glaube, wenn man anfängt so zu denken, dann fehlt irgendwo ein bisschen Spaß.
Egal, aus welchem Grund das so ist? Ja, natürlich könnte man sich auch hinsetzen und sagten: Och, die Wirtschaft, die ist so zäh und das Ganze ist so zäh. Ich habe auch Händlerkollegen, die schimpfen – die schimpfen nur. Ich habe noch nie gesehen, dass die mal sagen: „Der Monat war jetzt richtig gut, ich bin eigentlich zufrieden damit.“ Ich brauche den Spaß am Job als Energiefaktor, als Ideenfaktor. Sonst tritt man irgendwo auf der Stelle. Und da ist dann keine Entwicklung mehr da. Und dann arbeitet man zwar, um den Betrieb am Leben und am Laufen zu erhalten. Aber dann bleibt keine Energie und Kreativität, um den Betrieb weiter zu entwickeln.
Muss der Job zum Lebensinhalt werden, um erfolgreich zu sein? Mit Angestelltenmentalität kommt man jedenfalls nicht weiter. Mein persönliches Ziel ist, aus dem Ganzen einen Namen zu machen – also aus der Marke. Und nicht nur die Arbeit zu sehen. Sie ist tatsächlich mein Lebensinhalt, das stimmt. Und ich führe hier neun Menschen und ich gebe denen irgendwo eine Zukunft und ich gebe denen die Möglichkeit, sich zu entwickeln. So muss es sein, das brauche ich. Und bei sowas können Sie privat und geschäftlich nicht trennen. Das ist ein Ganzes.
Richtig Fahrt kann man doch nur aufnehmen, wenn man alleine ist, wenn man Individualist ist. Kann man in der Gemeinschaft noch schnell sein, im Team? Ich muss mit dem Team schnell sein. Und es gibt ja zwei Arten von Individualisten. Es gibt diejenigen, die die zwei Welten haben, also am Tag ihren Job machen und danach der Freizeitmensch sind und es gibt die, die das gerne alles verbinden. Und ich glaube, man hat mehr Spaß, wenn man das in beiden Fällen – im Geschäft und privat – mit anderen auslebt. Und ist Erfolg wirklich, dass man viel Geld hat und alleine auf weiter Flur steht? Dass man sagt, ich habe jetzt geschafft, was ich will? Ich habe jetzt meinen Spitzenjob, ich habe meinen Spitzenverdienst? Oder ist es nicht viel befriedigender, wenn da noch jemand mit einem zusammen steht?
Leben wir trotzdem in einer Welt voller Individualisten? Sind wir nicht alle Saabfahrer? Ich glaube, es gibt einen großen Teil, der seinen Individualismus nicht auslebt, oder es sich nicht getraut, ihn auszuleben. Nehmen wir ein Beispiel aus meinem Geschäftsbereich: Es getraut sich zum Beispiel nicht jeder, ein Cabrio zu fahren, also im offenen Zustand. Offen durch die Stadt fahren? Lieber nicht. Ich will nicht gesehen werden. Warum will ich nicht gesehen werden? Ich sage, wenn es Ihnen gut geht, können Sie das doch auch nach außen ausstrahlen. Aber es gibt zu viele Neider – da möchte man keine Missgunst auf sich ziehen. Diese Angst, zu zeigen, mir geht’s gut, ich fühle mich wohl. Ich behaupte, also über die Hälfte der Menschen getraut sich nicht, sich auszuleben. Der Individualist ist in jedem drin, und Sie können ihn auch anregen, raus zu kommen. Aber ich glaube, viele verstecken sich in einer Hülle. Dasselbe trifft zum Beispiel zu, wenn jemand sagt: „Ich möchte einmal mit einem Gleitschirm fliegen.“ oder „Ich möchte einmal Bungee-Jumping machen.“ – Aber selbst wenn er mal die Gelegenheit dazu hat: Er macht es letztendlich nie.
Fortsetzung folgt…
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