Eberhard Lampeter: “Der Einsatz von Stammzellen wird in der Regenerativen Medizin zunehmen”

Stammzellforschung ist ein Thema, das immer wieder heiß in den Medien diskutiert wird. Auch der Terminus Nabelschnurblut taucht in diesem Zusammenhang auf. Dr. med. Eberhard Lampeter ist Vorstandschef von VITA 34 – einer privaten AG, die sich zum Marktführer im Bereich der Nabelschnurblut-Einlagerung entwickelt hat. Im Interview mit der 100visions.de-Redakteurin Antje Bauer erzählt er von seinem persönlichen Optimismus, den Chancen, die bietet und den Hürden des Gesundheitssystems.
Herr Dr. Lampeter, Sie haben vor gut elf Jahren mit befreundeten Ärztekollegen die Nabelschnurblutbank VITA 34 ins Leben gerufen. Was waren denn Ihre persönlichen Beweggründe, diesen nicht unumstrittenen Schritt zu gehen? Die Initialzündung für das Interesse an Stammzellen ergab sich damals am Diabetesforschungsinstitut in Düsseldorf, wo ich Leiter der klinischen Forschung für immunologische Fragen war. Dort hatte ich eine Patientin, die neu an Diabetes erkrankt war. Vier Jahre zuvor hatte sie wegen einer Bluterkrankung Knochenmark von ihrem Bruder bekommen – dieser litt ebenfalls an Diabetes. Das war das erste Mal, dass die Übertragung einer Autoimmunerkrankung wie Diabetes Typ 1 beim Menschen durch Stammzelltransplantation beobachtet wurde. Ich kannte das schon aus Tierexperimenten – dort ist beides möglich: Die Übertragung der Erkrankung, wie bei der Patientin beobachtet, als auch die Weitergabe der Resistenz gegen Diabetes von einem gesunden auf ein krankes Tier.
Das hat Sie dann natürlich sofort interessiert, oder? Ja, denn dadurch ergab sich ein Konzept zur Behandlung von Autoimmunerkrankungen mit der Transplantation von Stammzellen. Danach war es nur noch ein kleiner Schritt, nach deren Quellen zu suchen und so bin ich damals auf die schon in der Literatur bekannten Stammzellen aus Nabelschnurblut gekommen. Um das wertvolle Material verfügbar zu machen, gründete ich dann konsequenterweise das Unternehmen VITA 34.
Ich frage jetzt einmal ganz provokativ: Sie operieren mit einem Produkt, von dem Sie noch nicht genau wissen, was es eigentlich kann. Sind Sie persönlich ein Optimist? Ich weiß was Nabelschnurblut schon heute kann – nur kenne ich noch nicht alle seine Fähigkeiten. Diese sind keineswegs verschwommen, sondern klar in der wissenschaftlichen Literatur beschrieben. Auch die zahlreichen bereits erfolgten Anwendungen sprechen für sich. Dabei handelt es sich klassischerweise um Bluterkrankungen. Was in Zukunft aber zunehmen wird – und dem stehe ich wirklich positiv gegenüber – ist der Einsatz von Stammzellen aus Nabelschnurblut in der Regenerativen Medizin. Da bin ich in der Tat Optimist.
Nabelschnurblut soll quasi in zukünftiger Anwendung neue Kräfte freisetzen. Welche Superkraft hätten Sie denn heute schon gerne? Die Wirkung von Nabelschnurblut hat nichts mit außergewöhnlichen Kräften zu tun. Es geht um die Reparatur von erkrankten Zellen und Geweben durch Stammzellen. Ein solcher Prozess läuft wie wir inzwischen wissen, ganz natürlich im Organismus ab. Solche Reparaturen, auch bei größeren Defekten effektiv zu unterstützen – darum geht es.
Ihnen wird oft genug vorgeworfen, Sie würden Geschäfte mit der Angst machen. Dass dies nicht der Fall ist, wissen wir beide. Aber wovor haben Sie im privaten Angst, was gruselt Sie wirklich? Angst bekomme ich, wenn es vor mir steil hinabgeht, beispielsweise wenn ich aus dem Fenster eines Hochhauses schaue und die Häuserwand vor mir im Nichts verschwindet – es ist eine ganz typische Höhenangst. Übrigens, der Vorwurf „Geschäft mit der Angst“ ist eine dumme Floskel, das müsste man auch jedem Hersteller von Fahrradhelmen oder Airbags vorwerfen.
Erzählen Sie mir doch bitte etwas über unlösbare Konflikte, die Sie in Ihrem Job bisher erlebt haben? Konflikte gibt es bei der Führung eines Unternehmens immer. Wichtig ist, dabei eine möglichst konstruktive Lösung anzustreben – das ist mir aber meistens geglückt.
Was ist der größte Fehler, den Ihre Branche je gemacht hat – und was haben Sie daraus gelernt? Inzwischen gibt es einige Firmen, die im Bereich der Regenerativen Medizin gute Produkte anbieten. Zum Beispiel Knorpelersatz zur Behandlung geschädigter Kniegelenke. Die Firmen haben aber von Anfang an angestrebt, dass ihre Leistungen von den Krankenkassen bezahlt werden. Das war meiner Meinung nach ein Fehler. Denn die Krankenkassen haben die Eigenschaft, Innovationen nur zögernd und äußerst langsam zu unterstützen. Bedauerlicherweise haben wir ein träges und innovationsfeindliches Gesundheitssystem. Deshalb dauert es lange, bis neue Errungenschaften die Hilfebedürftigen erreichen. Hätten die Firmen ihre Kunden stärker mit in die Verantwortung gezogen, was die Finanzierung betrifft, hätten sich ihre Zelltherapie-Produkte schneller etabliert. Davon hätten auch die Patienten profitiert.
Als Aktiengesellschaft ist VITA 34 nun einmal bestrebt, Geld zu verdienen. Wie stehen Sie zu der These „Geld verdirbt den Charakter“? Die These finde ich unsinnig. Geld ist die Grundlage unserer Wirtschaftsordnung. Die Unternehmen müssen Gewinne erwirtschaften, was eine Triebkraft für die Wirtschaft und Innovation darstellt. Dies ist wiederum für jeden von Vorteil und sorgt dafür, dass es uns hier in Deutschland oder Europa so gut geht. Ich bin in Ostdeutschland aufgewachsen und kann damals mit heute vergleichen.
Einer der sichersten Trends der Zukunft ist die steigende Lebenserwartung der Menschen – und VITA 34 proklamiert gewissermaßen, dazu seinen Beitrag leisten zu wollen. Was aber bedeutet dies für die Gesellschaft von Morgen? Wollen wir denn wirklich ewig leben? Es geht nicht darum, die Lebenserwartung zu steigern, sondern die Qualität des fortschreitenden Lebens zu verbessern, um gesund alt zu werden. Hier setzt die Regenerative Medizin an. Ihr Ziel ist es, zerstörtes oder beschädigtes Gewebe zu reparieren, damit es wieder seine Funktion erfüllen kann. Ein Beispiel: Herzinfarkt. Durch ihn sterben Zellen im Herzmuskel. Wenn es gelingen würde, das Gebiet klein zu halten oder mit funktionstüchtigen Zellen zu ersetzen, verringern sich die Nebenwirkungen dieser Erkrankung. Denn diese schränken das normale Leben der Patienten ein. Es geht nicht darum, Todesursachen nach hinten zu verlegen, sondern gesund zu leben.
Sie als Vorstandschef von VITA 34 müssen die Menschen von Ihrem Produkt überzeugen. Welche Rolle spielt Ehrlichkeit in Ihrem Leben? Es ist sehr wichtig, dass unsere Kunden klar und ausführlich informiert werden. Dass das tatsächlich praktiziert wird, haben wir mit Kundenerhebungen nachgewiesen. Für Laien haben unsere Kunden sogar ein ganz außergewöhnliches Wissen und bauen ihre Entscheidungen, das Nabelschnurblut einzulagern, darauf auf. Diese Entwicklung finde ich gut und ich möchte, dass das auch so bleibt.
Ist Moral für Sie als Unternehmer Voraussetzung oder vielmehr ein Hemmschuh für ein gutes Geschäft? Ganz klar: Voraussetzung.
Als Vorstandschef von VITA 34 bleiben Auseinandersetzungen von Gegnern der Nabelschnurblut-Forschung wohl nicht aus. Wo finden Sie bei all dem Stress Ihren persönlichen Ruhepol? Mein persönlicher Ruhepool ist die Malerei. Ich arbeite mit viel Farbe und erschaffe Bilder in Öl, die aber keinerlei Gegenständliches zeigen. Leider fehlt mir die Zeit, diesem Hobby regelmäßig nachzugehen. Unsere Gegner und Kritiker sind aber nicht Gegner der Forschung mit Nabelschnurblut, sondern besonders bei den öffentlichen Nabelschnurblutbanken angesiedelt. Es geht in den Kontroversen im Grunde darum, wer den Service anbietet, ein Wirtschaftsunternehmen wie VITA 34 oder subventionierte öffentliche Anstalten.
Wenn Sie in die Zukunft schauen, sagen wir in 20 Jahren, was glauben Sie: Wo wird die Stammzellforschung dann stehen? Einen Einblick in die zukünftige Forschung kann ich nicht geben. Was ich mir aber wünsche ist, dass die Einlagerung von Nabelschnurblut zur Routine wird. Jedem Kind sollte sein eigenes Nabelschnurblut für eventuelle Therapien zur Verfügung stehen. Die Finanzierung sollten die Krankenkassen übernehmen.
Was erzählen Sie Ihren Kindern über Ihre Arbeit? Ich habe zwei Kinder und sie sind Feuer und Flamme für meine Arbeit, die für sie aufregend und spannend ist.
VITA 34 ist noch ein vergleichsweise junges Unternehmen. Was glauben Sie, denken die Menschen in 50 Jahren über das Unternehmen? Hier muss gar nicht so weit in die Zukunft geschaut werden. Denn schon jetzt wissen die Menschen, dass wir auf dem Gebiet Nabelschnurblut Pionierarbeit leisten. Schließlich haben wir inzwischen das Nabelschnurblut von über 50.000 Kindern eingelagert. Doch wir bewahren es nicht nur auf, sondern setzen die wissenschaftlichen Erkenntnisse, die wir erwerben, auch in die Praxis um.
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